Leseprobe DER NEUE APOSTEL

An einem Hafen in China, im Jahr 1346, stand Pater Sergio mit einem Köcher, den er seit Tagen verschlossen hielt. Das sanfte Flattern aus dessen Inneren spürte er am ganzen Leib. Und wäre er nicht voller Vorfreude über etwas ganz Anderes gewesen, hätte er gewusst, dass das nur eine Aufforderung war, das Böse zu befreien.
   Sergio beobachtete die von Bord gehenden Matrosen eines Handelsschiffes, die Getreide zum Hafen trugen, um es gegen Pelze und seidene Stoffe einzutauschen.
   Das rege Treiben der vielen Männer verdeckte ihm immer wieder die Sicht auf das Schiff. Pater Sergio war mit seinen Einmeterfünfundsechzig nicht gerade groß gewachsen. Zum Predigen stieg er stets auf einen kleinen Tritt, um hinter dem Altar nicht zu verschwinden. Jetzt war er dankbar dafür, dass er unauffällig in der Masse untertauchen konnte. Denn seit vor sechs Wochen die Tataren und Genueser die Goldene Horde in Caffa angegriffen hatten, waren die Mongolen nicht gut auf Italiener zu sprechen. Der Pater hielt es für reines Glück, dass es ihn zwei Tage vor dem Angriff nach Peking verschlagen und der Kaplan seinen Brief aus Caffa erhalten hatte.Darin hatte er ihm geschrieben, dass er in Peking seine Hilfe dringend benötigte.
   In ihm brodelte es vor Verlangen nach seinem Kaplan und hätte der Pater nicht in weiser Voraussicht ein strammes Laken um seine Lenden gebunden, hätte sein Penis wie ein Bugspriet Richtung Schiff gezeigt. So sehr sehnte er sich nach seiner Nähe, nach seinem Geruch, nach seinem Fleisch. Zum ersten Mal in seinem Leben war es ihm egal, in Sünde zu leben. Er wollte sündigen. Er wollte es mehr als alles andere auf der Welt.
   Ein Hustenanfall riss ihn unsanft aus seinen Tagträumen. Sein halb erigierter Penis pochte gegen die strammen Laken, während sein Hals von innen zerkratzt wurde. Er gierte nach Wasser, obwohl er bereits Unmengen davon getrunken hatte.
   Dann sah er seinen Kaplan Alessandro an der Reling stehen, und der Husten war vergessen. Die Gedanken an das, was er am liebsten mit ihm tun wollte, ließen seinen Penis schmerzhaft gegen die Laken drücken – und das Flattern aus dem Köcher in Vergessenheit geraten.
   Sergio war bewusst, dass er sich zusammenreißen musste. Niemand, außer Gott, durfte von dem Verlangen zu seinem Kaplan erfahren. Würde er doch für immer fünfundzwanzig bleiben, dachte Sergio. So jung und voller Energie. Wie all die anderen vor ihm.
   Verhalten winkte Sergio Alessandro zu. Als er ihn sah, machte sich im Gesicht des jungen Kaplans ein Lächeln breit, das mehr verriet als dem Pater lieb war. Hastig stieg Alessandro die Planke hinab und hätte beinahe einen Matrosen versehentlich ins Wasser geschubst.
   Zum ersten Mal seit Wochen spürte Alessandro wieder festen Boden unter sich. Ungeschickt schlängelte er sich durch die Seeleute, die ihn dafür mit Flüchen straften.
   Alessandro schenkte ihnen keine Beachtung. Sein Herz schlug einzig und allein für seinen Pater. Und auch wenn er dreißig Jahre jünger war und unmöglich mit ihm zusammen alt werden konnte, war er sich bereits sicher, dass er niemanden wieder so lieben könnte wie Sergio.
   Alessandro passierte den letzten fluchenden Seemann und stand endlich seinem Liebsten gegenüber.
   »Schön Sie zu sehen, Pater«, sagte Alessandro und verbeugte sich.
   »Die Freude ist ganz meinerseits, Kaplan Alessandro«, antwortete der Pater, der seine Schmerzen in den Lenden nur schwer verbergen konnte.
   »Fehlt Ihnen etwas, Pater?«, fragte Alessandro.
   »Alles in Ordnung. Ich habe mir nur einen leichten Husten eingefangen. Dieses Auf und Ab der Temperaturen ist mir wohl nicht gut bekommen.«
   Alessandro lächelte ein wenig zu süffisant.
   »Ich habe Tee in meiner Kabine«, sagte der junge Kaplan. »Der wird Ihnen guttun, und sobald wir wieder auf See sind, wird die frische Luft den Rest zu Ihrer Genesung beitragen.«
   »Sind wir dort ungestört?« fragte Sergio.
   »Selbstverständlich, Pater.«
   »Wenn das so ist, freue ich mich auf Ihre Berichte, Kaplan. Gehen wir.«

Die Tür der Kabine fiel zu. Sergio umfasste die Kordel um Alessandros Hüfte und zog ihn mit einem Ruck an sich heran. Ihre Unterleiber prallten gegeneinander und der Pater presste seine Lippen auf die des jungen Kaplans.
   Küssend bewegten sie sich auf die kleine Koje zu, die gegenüber eines Schreibtischs stand, der aus alten Holzdielen gezimmert war.
   Alessandro und Sergio stießen an die Kante des Schreibtisches. Hätte die Kerze nicht in ihrem eigenen Wachs gestanden, wäre sie zusammen mit den Zündhölzern und der Bibel vom Tisch gefallen.
   Alessandro dachte kurz darüber nach, ob er dem Pater sagen sollte, dass man sie durch das Guckloch sehen konnte. Doch der Pater griff fest in Alessandros Schritt und der vergaß, woran er gerade noch gedacht hatte.
   Der Köcher glitt von der Schulter des Paters zu Boden. Sergio fuhr mit der Hand geschickt unter die Kutte des Kaplans und merkte, dass er sich besser im Griff hatte als er. Neben der Koje gingen sie zu Boden. Dabei stieß Alessandro den Köcher zur Seite.
   Vor der Wand am Schreibtisch blieb er liegen. Lautes Flattern drang aus dem Inneren. Alessandro legte sich auf den Rücken und warf einen Blick zum Köcher. Dann umschlossen die Lippen des Paters seinen harten Schwanz und der junge Kaplan gab sich ihm hin. Er spürte, wie der Pater nach seinem Sperma gierte. Alessandro gab ihm, was er wollte und der Pater saugte jeden einzelnen Tropfen aus ihm heraus.
   Seine Halsschmerzen und sein Husten waren weg. Als er das Gefühl hatte, alles aus dem jungen Kaplan herausgeholt zu haben, kam sein Kopf unter der Kutte hervor. Mit der Zunge leckte er sich genüsslich die Lippen. Alessandro wusste, dass der Pater mehr von ihm wollte. Er ließ ihn nicht länger warten, wandte ihm den Rücken zu und begab sich auf alle Viere. Und während sie sich liebten, bemerkte keiner der beiden, wie das Flattern in dem Köcher immer lauter wurde.

Der abnehmende Mond spendete dem jungen Kaplan genügend Licht, um sich an dem Anblick seines nackten Paters zu erfreuen. Sanft streichelte er seine Schulter. Das Verlangen, ihn erneut zu lieben, war groß, aber er ließ ihn schlafen und dachte mit freudiger Erwartung an die nächsten Tage auf See.
   Ein leises Flattern, das vom anderen Ende des Raumes kam, lenkte Alessandros Aufmerksamkeit auf sich. Er hielt inne und lauschte. Das Flattern war leiser als das Schnarchen des Paters und das knarzende Holz des Schiffes. Dennoch drang es zu ihm durch. Alessandro erinnerte sich daran, es heute schon einmal gehört zu haben und erschrak. Hatte der Pater ihm einen dieser kleinen asiatischen Singvögel, die der junge Kaplan so bewunderte, zum Geschenk machen wollen und es in der Hitze der Leidenschaft vergessen?
   Der Kaplan erhob sich aus der Koje und sah sich um. Es schien, als käme das Flattern aus der Ecke der Kabine.
   Am Schreibtisch angelangt, tastete er vorsichtig nach den Zündhölzern. Der arme Vogel, dachte Alessandro.
   Die Kerze tauchte den Großteil der Kabine in helles Licht. Nur die Koje war in Dunkelheit gehüllt. Er nahm die Kerze und ging in die Hocke.
   Das Flattern wurde stärker. Der Vogel musste regelrecht in Panik sein. Weil Alessandro den armen Vogel nicht in Flammen sehen wollte, stellte er die Kerze beiseite. Hätte er gewusst, dass ein brennender Vogel, der womöglich noch das ganze Schiff in Brand steckte, das kleinste Übel war, hätte er den Köcher jetzt aus dem Fenster geworfen.
   Als er die Verschlusskappe des Köchers öffnete, geschah nichts. Weder ein lebendiger noch ein toter Vogel waren darin zu sehen. Nicht einmal eine Motte oder etwas anderes, dass dieses Geräusch hätte verursachen können. Das einzige, was sich darin befand, waren acht ineinander gerollte Pergamente. Er zog sie heraus.
   Verstohlen blickte der junge Kaplan zu seinem schlafenden Geliebten. Dann setzte er sich an den Schreibtisch und entrollte die Papiere. Sie maßen ungefähr achtzig Zentimeter in der Länge und fünfzig in der Breite. Aufmerksam studierte der junge Kaplan die erste Seite. Schnell wurde ihm klar, was vor ihm lag. Es waren die acht fehlenden Seiten des Codex Gigas, der Teufels-Bibel. Sie zu lesen war ihm verboten. Aber es war auch verboten, Unzucht mit dem gleichen Geschlecht zu treiben. Ihm wurde so viel verboten und anstelle es einfach zu akzeptieren wie seine Glaubensbrüder, hinterfragte er vieles. Manchmal auch zu viel. Sein Wissensdurst war groß. Was vor ihm lag, war vor knapp einhundert Jahren geschrieben worden.

Wie Alessandro war auch der fünfzehnjährige Junge namens Rakdagul ein Waisenkind. Im Gegensatz zu dem jungen Kaplan wurde der Junge nicht von einem Pater aufgenommen und auf den rechten Weg gebracht, sondern folgte einer inneren Stimme, die von dunklen Mächten ausging.
   Auf der zweiten Seite begegnete er seinem ersten Wegbegleiter. Es war der körperlose Dämon namens Raak, der ihm Schutz und Geleit versprach, wenn der Junge ihm einen Körper beschaffte. Und so schlich der Junge auf der nächsten Seite in die Kammer eines schlafenden Paters und schnitt ihm die Kehle durch.

Kaum hatte Alessandro diese Stelle gelesen, fuhr sein Pater hoch. Er atmete tief ein. Der junge Kaplan pustete vor Schreck die Kerze aus, als könnte er damit verhindern, den Pater sehen zu lassen, was er tat.
   Sergio starrte vor sich an die Wand und flüsterte immerzu die gleichen Worte in einer Sprache, die Alessandro nicht verstand. Voller Sorge zündete Alessandro die Kerze wieder an. Erst, als er sich vom Schreibtisch erhob, merkte er, wie stark das Schiff hin und her schaukelte. Mit der Kerze in der Hand trat er vorsichtig an seinen Geliebten heran.
   »Pater?«, hauchte Alessandro.
   Der Pater verstummte. Sein Kopf drehte sich knarzend in Alessandros Richtung. Beinahe hätte der junge Kaplan die Kerze fallen gelassen, als er in das Gesicht des Paters blickte. Es schien von heller Asche bedeckt zu sein und glitzerte silbrig im Schein des Mondes. Die Adern traten grün hervor und Blut tropfte aus seinen aufgerissenen Lippen.
   Den Pater schien das Entsetzen seines jungen Kaplans zu erfreuen. Das Lächeln riss die Lippen noch weiter auseinander und entblößte faulige Zähne, die scheinbar von Maden verzehrt wurden. Alessandro sah, dass es keine Maden, sondern winzige, nackte Menschen waren.
   Einer von ihnen sprang auf die Kerze, kletterte an ihr hoch und löschte die Flamme. Die Kabine war stockfinster.
   »Pater?«, flüsterte Alessandro.
   Weder der Pater noch das Schiff gaben einen Laut von sich. Kein knarzendes Holz. Nicht einmal die Bewegung des Schiffes konnte Alessandro spüren.
   Vorsichtig fing Alessandro an, auf dem Schreibtisch nach den Streichhölzern zu tasten. Seine Fingerkuppen fuhren über raues Holz, über Reste getrockneten Wachses und schließlich über die Zündhölzer, die sich plötzlich von selbst entflammten. Instinktiv zog er die Hand zurück, bevor ihm klar wurde, dass er das Feuer löschen musste.
   Er packte das Bündel brennender Hölzer, zündete schnell noch die Kerze an und warf die Streichhölzer aus dem Bullauge.Normalerweise hätten sie irgendetwas erleuchten müssen, doch sie wurden einfach von der Dunkelheit verschluckt. Es schien, als sei das Schiff in einer Umgebung, in der gar keine Umgebung vorhanden war.
   Der Pater stöhnte, war aber wieder ganz der Alte. Es schien, als hätte er nur einen unruhigen Schlaf. Habe ich mir das eben nur eingebildet, fragte sich der junge Kaplan. Am liebsten hätte er ihn aufgeweckt, um sicher zu gehen, dass wirklich alles in Ordnung war. Und wäre die Neugier nicht so groß gewesen, die Geschichte weiter zu lesen, hätte er das auch getan.

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